Alessandro Mendini

Chefarchitekt

  • Pavillion Mendini 0 & 1 - Photo: Marten de Leeuw © Groninger Museum
  • Eingangshalle Groninger Museum - Foto: Marten de Leeuw © Groninger Museum
  • Mendini Treppe - Foto: Marten de Leeuw © Groninger Museum

Alessandro Mendini hatte seine Ausbildung an der Technischen Hochschule in Mailand genossen. Bereits schnell entpuppte er sich als ein über alle Grenzen hinwegblickendes künstlerisches Genie. Er zeichnete Comics und Cartoons, beschäftigte sich mit Design, das damals noch kein gesondertes Ausbildungsfach war. In den siebziger Jahren war er eine herausragende Figur des italienischen Radical Design und beteiligte er sich an den Designmagazinen Casabella, Modo und Domus.
Ein wirklich herausragender Ausgangspunkt von Mendini ist seine Abkehr von etablierten Normen. Die traditionellen Rangordnungen innerhalb der Künste bestreitet er, z.B. die Auffassung, dass die Malerei hierarchisch über der angewandten Kunst stehe und die historische Einteilung von Zeit und Ort in der Kunstgeschichte. Alle kunsthistorischen Stile, auch Volkskunst und Kitsch, stuft er als gleichberechtigt wichtig und brauchbar ein. Dies gilt auch für die kreativen Produkte nichtwestlicher Kulturen.
In den Jahren 1980-1983 war Mendini Initiator und Supervisor des Projekts Tea and Coffee Piazza. Für die italienische Firma Alessi, deren künstlerischer Leiter er später wurde, wurden in einer kleinen Auflage 11 verschiedene silberne Teeservice hergestellt. Er lud zehn der weltweit bedeutendsten Architekten – u.a. Hans Hollein, Aldo Rossi und Michael Graves - ein, jeweils ein Service zu entwerfen. Sie fassten das Tablett des Service als Platz auf, auf dem sie Zuckerdose, Milchkännchen, eine Kaffee- und eine Teekanne wie kleine Gebäude anordneten.
Jeder Architekt arbeitete die Idee auf andere Weise aus: von Hausaltar bis Flugzeugträger, von Tropfen bis Vogel. Mendini selbst entwarf auch eine Piazza. Diese Service, die komplett zur Sammlung des Groninger Museums gehören, gelten als “Vorfahren“ des neuen Museumgebäudes. Man vergleiche sie  z.B. mit den Formen des Platzes und der Pavillons, aber auch mit der Vermischung von Architekturdisziplinen  und Haushaltsgegenständen sowie dem Redesign von Stilen vieler Epochen der Kunst- und Architekturgeschichte.

Mitte
Der Mittelteil des Gebäudes, das Herzstück des Museums, wurde ganz von Alessandro Mendini entworfen. Hier ist der Eingang, durch den die Besucher ein- und ausgehen, hier befinden sich Besuchereinrichtungen wie Garderobe und Café, hier werden die Kunstwerke hereingebracht und wieder verabschiedet, hier befinden sich das (ursprüngliche) Depot sowie die Direktions- und Mitarbeiterbüros. Im unteren Bereich dieses Gebäudeteils liegen allgemein museale Räume wie das Auditorium, ein Kinderatelier, das Info Center und ein Empfangsraum, also für Zwecke, die nicht direkt etwas mit der Ausstellung von Kunstgegenständen zu tun haben.
Im Zentrum des mittleren Teils ragt der goldfarbene Turm empor. Oben auf dem Turm flattert regelmäßig eine andere, meistens von Mendini manchmal aber auch von einem der Gastarchitekten entworfene Fahne. Turm und Fahne bilden das Symbol, das zur Corporate Identity des Museums gehört. Der goldene Turm hat keine Fenster und ist für Besucher nicht zugänglich; ursprünglich hatte Mendini nämlich geplant hier das Depot unterzubringen. Um es prominent sichtbar zu machen siedelte er dieses Depot bewusst in der Mitte des Museums an. Meistens befindet ein Museumsdepot sich hinter einem Gebäude oder im Keller, möglichst “unsichtbar“. Mendini macht hieraus absichtlich ein Symbol, um das man nicht herumkommt. Die Farbe der Fassadenplatten aus Laminat - ein gepresster Kunststoff - wurde speziell von der Firma Abet für das Groninger Museum entwickelt und ist ein Verweis auf Schätze im Innern. Die Schätze des Groninger Museums sind natürlich die zur Sammlung gehörenden Kunstwerke.
Das Groninger Museum kennt keine feste Präsentation seiner Sammlung, weshalb viele der Schätze sicher aufbewahrt werden müssen. Inzwischen ist ein Großteil der Sammlung in ein größeres Depots außerhalb der Stadt umgezogen. Da die ursprüngliche Goldfarbe der Laminatplatten nach 15 Jahren verblichen war, wurden sie im Zuge der Revitalisierung im Jahr 2010 gegen gelackte Platten ausgetauscht. Der Turm ist bereits aus weiter Ferne zu erkennen. Das Museum ist so betrachtet eine moderne mit Kunst gefüllte Kathedrale, zu er auch ein hoher Turm gehört, wie dies auch bei Martini- und Aa-Kirche der Fall ist.